18. September 2026

Zu voll, zu schnell, zu egal? Was mir auf dem BIG BANG KI FESTIVAL 2026 an Folien aufgefallen ist

Kontext: Konferenz, Messe, KI – und viel Mittelstand

Das BIG BANG KI FESTIVAL richtet sich klar an Entscheider:innen, die KI bewerten, einführen oder verantworten. Viele Sessions hatten einen deutlichen Mittelstands‑Bezug. Gleichzeitig gab es die Messe‑Seite: Startups, Dienstleister:innen, Produktteams. Menschen, die zeigen wollten, was sie können – und warum genau ihr Ansatz jetzt relevant ist. Hier geht’s zur Webseite mit dem aktuellen Programm: www.bigbangfestival.de/programm

Der erste Eindruck: professionell

Viele Präsentationen wirkten im ersten Moment erstaunlich „rund“:

  • konsistente Typografie
  • stimmige Farben
  • klares Aussehen, meist sehr nah am Markenbild und an die Marke angelehnt
  • insgesamt: ordentlich gestaltet

Man sieht: Da hat jemand nicht einfach die Standard‑Vorlage von 2012 aufgemacht. Optisch war das so gut wie immer solide.

Der zweite Blick: viel zu viel Inhalt

Und dann kommt der Moment, der mich heute mehrfach erwischt hat: Die Folien waren komplett überladen. Nicht ein bisschen. Sondern so, dass man als Zuschauer:in gar keine Chance hatte:

  • zu erkennen, was der eigentliche Punkt ist
  • den Text in der verfügbaren Zeit zu lesen
  • den Zusammenhang zwischen Folie und Gesprochenem zu greifen

Oft war eine Folie nach fünf bis zehn Sekunden wieder weg. Die nächste kam. Dann die nächste. Und man hatte das Gefühl, man schaut einem Dokument beim Vorbeirauschen zu.

Das ist nicht nur „ein bisschen unpraktisch“. Das kippt den Zweck von Folien. Denn eine Folie ist keine Ablage. Sie ist ein Werkzeug für Aufmerksamkeit.

Das Paradoxon: voller Text, leere Wirkung

Was mir daran wieder mal besonders aufgefallen ist: Viel Inhalt ist nicht automatisch viel Information. Und das ist eine Falle, in die viele Leute leicht tappen, weil sie ja möglichst viel in der kurzen Zeit rüberbringen wollen/müssen.

Wenn ich den Inhalt nicht aufnehmen kann, ist die Folie in der Situation faktisch leer. Sie liefert keine Orientierung. Sie verstärkt nichts sondern sie konkurriert nur mit der Tonspur.

Und das war heute oft sichtbar: Einige Speaker:innen haben kaum auf die Folien Bezug genommen. Sie haben einzelne Brocken rausgegriffen. Oder eine groß gesetzte Zeile als Anker benutzt. Der Rest blieb Hintergrundrauschen.

Dann stellt sich eine einfache Frage: Warum steht der Rest dann überhaupt da?

KI als Stil – und als Ursache?

Ein Teil davon wirkt wie ein Nebeneffekt von KI‑Workflows. Viele Folien sehen so aus, als wären sie aus Textbausteinen „zusammengeschoben“ worden: viel Output, wenig Priorisierung.

Das ist nicht automatisch schlecht. KI kann beim Erstellen von Folien helfen. Das ist nachvollziehbar: Zeitdruck, viele Slides, kurze Vorbereitungsfenster (Procrastination?) – und dazu der Konferenz-Kontext, in dem KI‑Workflows naheliegen.

KI macht es leicht, Text zu produzieren. Aber sie ersetzt nicht die Entscheidung, was genau weggelassen wird. Und genau dieses Weglassen ist oft ein entscheidender Teil der Präsentationsarbeit.

„Aber die Leute fotografieren doch die Folien“

Ja. Das fand ich heute auch auffällig. Viele haben Folien abfotografiert. Ich mache das selbst gerne. Für Zitate, für Links, für eine Grafik. Einfach als Anker für das spätere Draufschauen (Sidenote: wie häufig mache ich das eigentlich wirklich?)

Nur ist das ein anderes Nutzungsszenario: Foto = später nachlesen. Vortrag = jetzt verstehen.

Wenn die Folie primär für „später“ gebaut ist, dann ist sie im Vortrag eigentlich falsch platziert. Dann wäre ein Handout, ein Link, ein QR‑Code oder eine Download‑Seite die bessere Lösung. Und die Folie kann wieder das tun, was sie gut kann: führen, fokussieren, unterstützen.

Was stattdessen besser funktioniert (zumindest meistens)

Für die Art von Vorträgen, die ich heute gesehen habe – Pitch‑nah, erklärend, überzeugend – funktionieren oft diese simplen Muster:

  1. Ein Gedanke pro Folie
    Ein Satz. Oder drei Wörter. Dafür Zeit lassen.
  2. Ein Bild oder eine einfache Illustration
    Nicht als Deko. Sondern als Bedeutungsträger.
  3. Kombination: Bild + Text
    Ein gutes Bild oder Illustration und zusätzlich einen Satz oder drei Wörter. Und auch dafür Zeit lassen.
  4. Wenn Daten, dann Daten
    Diagramme, die lesbar sind. Mit klarer Aussage. Nicht fünf Mini‑Charts auf einer Folie.

Natürlich gibt es Ausnahmen: längere Zitate, komplexe Modelle, wissenschaftliche Ergebnisse. Aber das waren heute nicht die Fälle, die mich gestört haben. Mich hat gestört, dass „zu viel“al wieder zum Standard geworden ist – selbst dort, wo „weniger“ leicht gewesen wäre. (Sidenote: Ob das wohl an den Trainingsdaten für Präsentationen liegt, weil dort häufig zu viel Zeug drauf war?)

Offene Frage zum Schluss: Braucht es die Folien überhaupt?

Wenn ein Vortrag so oder so nicht mit den Folien arbeitet – wäre es dann nicht ehrlicher, ohne Folien zu sprechen?

Heute gab es für mich dazu einen starken Gegenpunkt: Christian Wulff (Bundespräsident a.D.) hat einen Vortrag (15–20 Minuten) gehalten, ohne eine einzige Folie. Stattdessen hatte er kleine Zettel vor sich auf dem Rednerpult ausgelegt und hat sehr frei gesprochen. Man kann von ihm halten, was mensch will – das ist hier nicht das Thema. Was hängen blieb, war das Bild im Raum: ein großer Saal, gefühlt um die 500 Leute, und sehr viele haben wirklich konzentriert zugehört.

Das soll nicht heißen, dass mensch heute grundsätzlich ohne Folien arbeiten sollte. Folien sind sinnvoll, wenn sie etwas sichtbar machen, das Sprache allein schwer transportiert: komplexe Zusammenhänge, technische Abläufe, Daten, Diagramme, eine klare Visualisierung. Gerade in der Technik‑ und KI‑Branche ist das oft notwendig.

Aber dieser Moment war ein interessanter Gegenpunkt. Er zeigt: Eine gute Struktur, ein klarer Gedankengang und ein ruhiges Tempo können ausreichen, um einen Raum zu halten. Wulff hat dafür natürlich auch die Fähigkeiten, die viele Politiker:innen trainieren: Reden bauen, Übergänge setzen, Spannungsbögen halten. Trotzdem bleibt die Frage spannend: Nutze ich Folien, weil sie helfen – oder weil es sich „so gehört“, Folien zu haben?

Kurzer Abschluss

Ich nehme vor allem eins mit: Folien werden oft wie ein Dokument gebaut. Dabei sind sie ein Teil von Kommunikationsdesign. Es geht um Auswahl, Gewichtung und Tempo. Nicht um Vollständigkeit. Wenn eine Folie in zehn Sekunden nicht verstanden werden kann, ist sie im Vortrag oft keine große Hilfe – egal wie sauber sie gestaltet ist.

Disclaimer: Die Idee zum Artikel habe ich 30 Minuten nach der Konferenz in langdock.com im Auto-Modell-Auswählen-Modus reindiktiert. Meine Gedanken waren dabei unpräzise und nicht strukturiert. Außerdem war das Transkript auch nicht ganz sauber, es hat Sätze aufgetrennt oder Dinge zusammengezogen, die eigentlich in mehrere Sätze gehörten. Die entstandene Struktur fand ich schon sehr gut und treffend. Einige Formulierungen waren wieder unrund bzw. zu generisch. Zu viele Anaphern und „Nur: …“ Konstruktionen. Oder es waren unnötige denglische Formulierungen drin, z.B. „Skill-Set“ anstatt von „Fähigkeiten“. Außerdem habe ich noch weiter im Diktiermodus direktes Feedback gegeben, das hat ziemlich gut und einfach funktioniert, weil ich den Text von oben nach unten durchlesen konnte und gleichzeitig meine Gedanken abladen konnte. Dann habe ich es es als HTML-Format zum direkten Kopieren in den Gutenberg-Editor von WordPress angefordert und noch Mal alles durchgelesen, sowie kleine Anpassungen / Ergänzungen gemacht (z.B. alle „Sidenotes“ sind händisch von mir geschrieben).

Mit Liebe recherchiert und geschrieben von FORMLOS Berlin

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

Hey

Let's talk

(030) 2000 87 60 hallo@formlos.berlin.de